Kuhstall statt Klassenzimmer
Die 9. Klasse im Landwirtschaftspraktikum
[wf] Einmal im Jahr ist Harald Salzmann, Lehrer an
der Freien Waldorfschule Neumünster, für einige Tage
unterwegs, kreuz und quer in Schleswig-Holstein - seine Pflichten als
Förderlehrer müssen in dieser Zeit ruhen. Er besucht reihum
"seine" Praktikanten, Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse,
die für drei Wochen jeweils zu zweit auf einem Bio-Bauernhof
Quartier genommen haben, um dort mit zu leben und mit zu arbeiten.
Seine erste Station an diesem Tag ist ein kleiner Bio-Bauernhof in der
Nähe von Ascheberg. Salzmann will hier zwei Schüler treffen,
die jetzt schon seit etwas über einer Woche auf dem Hof sind und
die Gegebenheiten und auch "ihren" Bauern genau kennen. Die beiden
strahlen um die Wette und sind sofort bereit, ihrem Lehrer und dem
neugierigen Berichterstatter den Hof zu zeigen.
ACHTUNG: Adressenlisten von biologisch-dynamisch wirtschaftenden Bauernhöfen im In- und Ausland, die meist auch Praktikanten aufnehmen, sind zu erhalten über den "Forschungsring für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise" >> Kontakt
Am Vormittag sind täglich wiederkehrende Routineaufgaben zu
erledigen: Füttern, Ausmisten, neue Streu ausbringen - was
allerdings schnell erledigt ist, da die meisten Kühe mit ihren
Kälbern auf der Weide sind. Später am Tag sind dann immer
wieder andere Aufgaben zu bewältigen. Gestern wurden Kartoffeln
gepflanzt, heute müssen vielleicht Steine vom Feld gesammelt
werden. Ehe das in Angriff genommen wird, gilt es allerdings erst noch
zu melken. Auch das ist auf Peter Försts Hof schnell erledigt,
denn er betreibt keine Milchwirtschaft, sondern vermarktet vor allem
das Fleisch seiner Rinder. Und das heißt, dass die Kälber
die Milch ihrer Mütter selber brauchen. Also muss für den
Eigenbedarf des kleinen Haushalts mit zwei hungrigen und durstigen
Praktikanten nur eine Kuh gemolken werden. Eine Melkmaschine rentiert
sich da natürlich nicht, es wird von Hand gemolken, eine Aufgabe,
die auch beide Praktikanten schon perfekt und mit sichtbarer Freude
erledigen
Warum nun das Ganze? Harald Salzmann kann das mit vielen Beispielen
überzeugend erklären: Ja, natürlich geht es auch darum,
einen Einblick in eine zugleich zeitgemäße und
naturschonende Landwirtschaft zu bekommen. Vor allem anderen aber sieht
die Waldorfschule in solchen Praktika einen wichtigen Beitrag zur
Persönlichkeitsentwicklung. Verantwortung für das eigene
Handeln zu übernehmen, Zupacken zu lernen, Durchhaltevermögen
zu zeigen und aus der Bewältigung auch schwieriger oder einmal
unangenehmer Aufgaben heraus Selbstbewusstsein und Standfestigkeit zu
entwickeln, das sind Fähigkeiten, die man im "normalen"
Schulbetrieb auch einer Waldorfschule nicht ohne weiteres lernt, die in
einer modernen Arbeitswelt aber so dringend wie noch nie gefordert
werden.
Die beiden Jungen liefern bei ihrem Bericht denn auch gleich das
passende Beispiel: Sie waren erst ein, zwei Tage auf dem Hof, als der
Bauer unverhofft aufgehalten wurde und die Melkzeit für "Minnie",
die Milchkuh, lange überschritten war. Das gutmütige Tier
machte sich lautstark bemerkbar und "lief schon beinahe aus", also
machten sich B. und J., obwohl erst ganz kurz ins Melken eingewiesen,
ans Werk und schafften es auch tatsächlich, die Kuh "leer zu
melken".
Ähnliche Erfahrungen machen auch all die anderen Praktikanten, die
in diesen Wochen auf den verschiedensten Höfen arbeiten - nicht
nur in Schleswig-Holstein übrigens. Entstanden zunächst durch
einen Zufall, ist es seit zwei, drei Jahren so, dass ein immer
größer werdender Teil der Neuntklässler das
Landwirtschaftspraktikum im Ausland macht. So auch in diesem Jahr: Vier
Schülerinnen und Schüler sind auf zwei Höfen in
Schottland, vier weitere in Frankreich und drei in Schweden. Auch diese
Kontakte - oft durch private Initiative zustande gekommen - werden von
Harald Salzmann sorgfältig registriert und gepflegt, wenn auch nur
telefonisch. Die Schule selber unterstützt diesen Trend aus voller
Überzeugung, werden hier doch gleich mehrere Fliegen mit einer
Klappe geschlagen: Selbstständigkeit lernen, sich in eine
ungewohnte Umgebung und Kultur einfinden, den Umgang mit der fremden
Sprache meistern.
Und in der Tat sind es vielfältige Erfahrungen, über die die
Schülerinnen und Schüler der 9. Waldorfschul-Klasse nach
ihrem Praktikum vor Eltern und Mitschülern werden berichten
können. Ob man nun Kühe melken, Steine sammeln,
"Beikräuter" jäten oder Mohrrüben sortieren musste, ob
es galt, geschlachtete Hühner auszunehmen oder an einer Hasenjagd
im schottischen Hochland teilzunehmen - all das sind Erfahrungen, die
gerade in der Zeit der Pubertät von großer Bedeutung sind.
Wobei es aber nicht nur um die Arbeiten geht, die verantwortungsvoll zu
erledigen sind, sondern auch um das soziale Umfeld. Sich in eine auf
Bio-Bauernhöfen oft noch zahlreiche Hofgemeinschaft
einzufügen, ein ganz anderes Familienleben kennenzulernen, mit
neuen Ein- und Ansichten konfrontiert zu werden, all das trägt mit
bei zu der pädagogischen Aufgabe, die die Landwirtschaftspraktika
an einer Waldorfschule zu erfüllen haben.
Wobei es sich für die Neuntklässler aus Neumünster nur
um eines von mehreren Arbeitswelt-Praktika handelt. Zwei jeweils
vierwöchige Betriebs- und ein ebenso langes Sozialpraktikum werden
noch folgen, ehe die Schülerinnen und Schüler dann ihren
Waldorfschulabschluss und zusätzlich noch den Hauptschulabschluss,
die mittlere Reife oder das Abitur machen werden.
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